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Mein PJ-Wahltertial in einer Landarztpraxis in Mecklenburg-Vorpommern

vor 5 Stunden
5 Min. Lesezeit

Frieda Linne


In der Landarztpraxis in Jördenstorf
In der Landarztpraxis in Jördenstorf

Über mich und meinen Weg zum Wahltertial Allgemeinmedizin


Mein Name ist Frieda Linne und ich bin in einem kleinen Dorf im Landkreis Wolfenbüttel (Niedersachsen) auf einem Bauernhof aufgewachsen. Ich wollte schon immer Ärztin werden und bin schließlich nach einem FSJ im Rettungsdienst 2020 für das Medizinstudium nach Rostock an die Ostsee gezogen. Seit dem klinischen Studienabschnitt stand für mich fest, in die Allgemeinmedizin zu gehen. Denn nur in dieser Fachrichtung hat man die Chance, wirklich ganzheitlich über lange Zeit mit verschiedensten Patient*innen zusammenzuarbeiten. Zudem begeistert mich, dass man als Hausärztin durch Erfahrung und Hands-on-Medizin auch ohne die bildgebenden Möglichkeiten einer Klinik eine gute Basisversorgung leisten kann. Weil ich aber weder in meiner Familie noch in meinem Bekanntenkreis eine*n Hausärzt*in hatte, den oder die ich um Rat fragen konnte, habe ich mich 2024 erfolgreich für die Nachwuchsakademie der DESAM beworben. Seitdem nehme ich regelmäßig an Förderprogrammen für Medizinstudierende mit Begeisterung für die Allgemeinmedizin teil und habe viele wertvolle Impulse von verschiedenen Hausärzt*innen erhalten. Für die Bewerbung bei der DESAM stand ich erstmals mit dem Institut für Allgemeinmedizin an meiner Heimatuniversität in Rostock im Austausch. So kam ich 2025 zu meiner Doktorarbeit. Auch bei der Planung meines PJ wandte ich mich vertrauensvoll an die Mitarbeiter*innen des Instituts und erhielt die Empfehlung, mein PJ in der Praxis von Frau Dr. Dipl.-Med. Dassing zu absolvieren. Nach einer zweitägigen Hospitation war mir klar, dass ich hier die beste PJ-Erfahrung haben würde, weil ich in der Landarztpraxis in Jördenstorf sofort herzlich aufgenommen wurde und mir das ärztliche Arbeiten dort gut gefiel.


Frieda Linne in der Sprechstunde
Frieda Linne in der Sprechstunde

Über die Praxis


Petra Dassing, die schon seit 1993 an unterschiedlichen Standorten als niedergelassene Allgemeinmedizinerin mit der Zusatzqualifikation Psychosomatik tätig ist, leitet ihre Praxis in Jördenstorf seit fast 20 Jahren alleine. Einmal in der Woche wird sie durch Herrn Dr. med. Barnick, der sowohl einen Facharzt für Allgemeinmedizin als auch für Anästhesie hat, in der Sprechstunde unterstützt. Ansonsten gehören zwei MFAs und der Ehemann der Hausärztin zum Praxisteam.


Das ärztliche Arbeiten war geprägt von dem vielfältigen und generationsübergreifenden Patient*innenstamm des unterversorgten, ländlichen Gebietes im Altkreis Teterow. Genauso unterschiedlich und spannend waren auch die Beratungsanlässe: Von kleinen chirurgischen Interventionen wie Exzisionen von Stielwarzen oder Entlastungen von Abszessen über Gesundheitsuntersuchungen über internistische Notfälle bis hin zu psychosomatischen Gesprächen war alles dabei. Am meisten fasziniert mich in der Hausarztpraxis die Teilhabe am Leben der Patienten und das gegenseitige Vertrauen, das man nur durch die jahrelange Zusammenarbeit erreichen kann.


Die Sprechstunde beginnt um 8:00 und endet um 11:00. Es gibt keine festen Termine, sodass jeder Tag eine Überraschung wird. Bis um 10:00 untersuchte ich entweder mit Petra Dassing zusammen Patient*innen oder durfte meine eigene kleine „Sprechstunde“ im Nebenzimmer führen, das mit einem PC und vollem Zugang zu den Patientendaten ausgestattet war. Die Dokumentation der Konsultationen erfolgte jedoch hauptsächlich in einer analogen Papierkurve. Von Anfang an wurden mir alle Schritte erklärt, sodass ich bald selbstständig arbeiten konnte. Dabei habe ich mich nie alleine gelassen gefühlt, da die Praxisinhaberin nach einiger Zeit dazukam, wenn ich eigene Patient*innen hatte. Jeden Tag gab es mehrmals die Möglichkeit, etwas durchzusprechen oder sich Feedback zu holen. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben und ich habe dadurch viel gelernt. Wir haben stets auf Augenhöhe zusammengearbeitet: Ich durfte die Sprechstunde der Hausärztin immer mit eigenen Fragen und Untersuchungen ergänzen. Im Gegenzug konnte ich mich auf Supervision und Beratung bei meinen „eigenen“ Patient*innen verlassen.


Von 10:00 bis um 11:00 hatte ich Zeit zum Selbststudium. Währenddessen konnte ich das Praktische mit dem Theoretischen verknüpfen, was für meine Lernkurve sehr wertvoll war. Von 11:00 bis 12:00 gingen wir gemeinsam die eingetroffenen Labor- und Fachbefunde beinahe detektivisch durch. Petra Dassing vermittelte mir, dass diese akribische Nacharbeit der Sprechstunde genauso viel Spaß machen kann und mindestens genauso wichtig ist wie das Gespräch und die Untersuchung von Patient*innen.


Um 12:00 aßen wir als Praxisteam gemeinsam Mittag.

Danach war dienstags Spätsprechstunde von 15:00 bis 17:00. An diesen Nachmittagen fanden häufig U-Untersuchungen oder Jugend- und Arbeitsschutzuntersuchungen statt. Diese durfte ich im Laufe der vier Monate auch teilweise alleine durchführen. Am Anfang war ich noch sehr unsicher im Umgang mit kleinen Kindern. Da aber fast täglich Kleinkinder in die Sprechstunde kamen und die Eltern immer sehr vertrauensvoll und geduldig waren, konnte ich viele Erfahrungen sammeln und im Laufe der Zeit eine gute Taktik im Umgang mit Kindern entwickeln.


An allen anderen Wochentagen fanden nachmittags Hausbesuche statt, bei denen wir die Älteren, die es nicht mehr in die Praxis schafften, in ihrer Häuslichkeit oder im Pflegeheim besuchten. Diese Touren haben mir am meisten Spaß gemacht, weil man so richtig in das Leben der Patient*innen und deren Familien eintauchen konnte und teilweise intime Einblicke in deren Alltag erhalten hat. Dafür brauchte es viel Vertrauen und es war schön, zu spüren, dass diese besondere Ärztin-Patient*innen-Beziehung von beiden Seiten sehr wertgeschätzt wurde. Zudem waren die Fahrten durch die Landschaft wunderschön. Die Gegend ist relativ dünn besiedelt und ich hatte das Gefühl, dass es mindestens so viele Kühe wie Dorfbewohner*innen gab. Diese Landschaft mit den weiten Feldern erinnerte mich sehr an meine Heimat, auch wenn ich am Anfang etwas mit der wortkargen Art der Mecklenburger*innen zu kämpfen hatte.


Auch ein Heim für psychisch Erkrankte stand auf der Besuchsliste. Die meisten Bewohner*innen litten an Schizophrenie und waren entweder auf einer offenen oder einer geschlossenen Station untergebracht. Die Behandlung dieser Patient*innen war komplex und erforderte Fingerspitzengefühl. Ich war immer sehr beeindruckt von dem Personal vor Ort, weil sie so herzlich und natürlich mit den Bewohner*innen umgehen konnten.


Auf Hausbesuch
Auf Hausbesuch

Nach Feierabend


Weil die Fahrtwege für mich sehr lang geworden wären, bot mir die Hausärztin ein Gästezimmer in ihrem Haus an, sodass ich die vier Monate lang unter der Woche bei Petra Dassing wohnte. Sie nahm mich mit großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft bei sich auf und verpflegte mich sehr großzügig, sodass ich mich voll und ganz auf das PJ konzentrieren konnte. Oft fuhren wir vor Arbeitsbeginn an den See, auf dem um diese Zeit noch Nebel waberte. Es war ein magisches Erlebnis, dort in völliger Ruhe eine Runde zu schwimmen. Nach Feierabend spazierte ich gern durch die Felder und stattete den Kühen im Nachbarort einen Besuch ab. Ich genoss es sehr, wieder so ländlich zu wohnen, nachdem ich fast sechs Jahre mitten in Rostock gelebt hatte. Abends saßen wir in ihrem wunderschönen Garten zusammen und genossen die Abendsonne. Dadurch wurde dieses PJ-Tertial zu einer sehr besonderen und intensiven Erfahrung.


Abschlussworte


Zum Abschied wurde mir eine Liste mit den sieben Gewohnheiten großartiger Ärzt*innen geschenkt, zu denen laut einer weltweiten Befragung von Hausärzt*innen das gute Zuhören, Netzwerkpflege, die körperliche Untersuchung, gute Beziehungen, das kontinuierliche Lernen, Vertrauen in die eigene Intuition und gut zu sich selbst zu sein gehören.


Petra Dassing lebt all diese Gewohnheiten und ich bin unendlich dankbar, dass sie mir vier Monate lang gezeigt hat, wie bereichernd, vielseitig und romantisch das Leben als Landärztin sein kann.


Ich fühle mich nach diesem Tertial in meinem Berufswunsch mehr als bestärkt und habe mich noch einmal ganz neu in das Fach Allgemeinmedizin verliebt.


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